Good Times Roll

Unser jüngstes Mitglied aus dem Goodtimesroll Racing Team,  Sam (19), erledigt alles mit dem Rad. Und da er kein eigenes Auto hat, kommen im Alltag und durch sein verbissenes Training schon einige Kilometer zusammen. Nachdem ihm Hamburg beim Pankt Saulopoly so gut gefallen hatte, wollte er noch mal einige Tage dort verbringen und neue Bekannte in der Hansestadt besuchen. Das Studentenleben ist bekanntlich in finanzieller Hinsicht nicht das allerbeste und da er das Fahrradfahren so sehr liebt, entschloss er sich die gut 350 Kilometer lange Strecke in möglichst kurzer Zeit zu bewältigen und – als wenn das als Tortur noch nicht reichte – auf derartigen Luxus, wie z.B. eine Unterkunft auf der Strecke, zu verzichten. Dankenswerter Weise hat Sam einen kleinen Reisebericht verfasst, so dass all jene, die etwas Ähnliches einmal vorhaben, von seinen Erfahrungen profitieren können.

„Der Wunsch nach Grenzerfahrung muss wohl doch größer gewesen sein als ich gedacht hatte. Ich wollte herausfinden, was nach den vielen Trainingsfahrten im Winter mit bis zu 160 km langen Touren, in meinen Beinen steckt. Dies war dann auch die beste Gelegenheit die Langstreckentauglichkeit meiner Goodtimesroll-Rennmaschine  von 8bar und verschiedener Ausrüstungsgegenstände wie dem neuen Bagaboo Jumbo Rolltop zu testen. Auch von Giro waren wir aus der New Road Kollektion reichlich beschenkt worden und die 100 % veganen Müsliriegel von Chimpanzee und ihr Gunpowder in biologisch abbaubaren Trinkflaschen sollten sich als nützlich erweisen. Eine Hängematte sollte später noch mehr oder weniger zum Einsatz kommen.

Da ich während der Vorlesungszeit nur wenig Zeit habe, wollte ich den Weg an einem Dienstag antreten und am Freitag mit dem Bus von Hamburg zurück fahren. Die einzige Bedingung, die ich mir für meinen „Kurztrip“ auferlegte, sollte trockenes Wetter sein. Das Ziel war Hamburg, eine tolle Stadt, mit vielen coolen und unkomplizierten Menschen. Hier hatte ich mich schon vor einigen Wochen beim „Pankt Saulopoly“ sehr wohl gefühlt. Untergekommen bin ich netter Weise bei Bekannten, die mich für zwei Nächte beherbergten und bei denen ich mich an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanken möchte.

13:30 Bochum
Unischluss, es ist trocken und lässt mich hoffen. Wenig später dann der wettertechnische Supergau: Kurz bevor ich zuhause war, um zu packen, kam sinnflutartiger Platzregen und heftiger Wind auf.

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Trotzdem verkroch ich mich in den Keller, um das Rad ein wenig umzurüsten. An der 8bar Kreuzberg Rennmaschine nahm ich nur wenige Änderungen vor. Ich montierte zwei Flaschenhalter und drehte lediglich den Vorbau zu Gunsten einer entspannteren Fahrposition um. Zu guter Letzt befestigte ich eher behelfsmäßig mit Gummibändern eine Gepäckrolle an meinem Sattelgestell.

18:00 Uhr Castrop-Rauxel
Ich hatte mit mir selbst abgemacht, bei starkem Regen nicht zu fahren. Obwohl es dann aber auch noch zwischendurch hagelte, brach ich die mir selbst gesetzte Auflage  und vertraute auf meine regenfeste Ausrüstung. Aufgrund der schlechten Wetterbedingungen und Problemen bei der Befestigung der Gepäckrolle kam ich nur langsam voran.  Nach einer Stunde hatte ich kaum zwölf Kilometer geschafft und befürchtete niemals anzukommen. Ständig lockerte sich die Gepäckrolle und ich musste anhalten. Als dann endlich eine endgültige Lösung gefunden war, ging es endlich zügiger voran. Die ideale Befestigung erreichte ich dadurch, dass ich das Spanngummi quer über den Sattel legte und dafür einen Knoten, welcher sich in den darauf folgenden über 330 Kilometern in meinen Allerwertesten bohren sollte, in Kauf nahm.  Auf der B235 traf ich einen E-Biker der mir eine Abkürzung zeigen wollte und mich eine halbe Stunde in seinem Windschatten über die abenteuerlichsten Matschwege führte und mich komplett einsaute.

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Weiter ging es von Waltrop nonstop nach Münster wo ich meine Flaschen wieder auffüllen musste und vom netten Tankwart mit breitem Grinsen darauf hingewiesen wurde wie viel Dreck ich doch im Gesicht hatte. Mit aufgefüllten Flaschen und gewaschenem Gesicht ging es weiter. Da es jetzt dunkel wurde montierte ich noch zwei Lichter. Es gab noch immer einen Rückstand von fast zwei Stunden aufzuholen. Mein nächster richtiger Halt war für Osnabrück geplant. Direkt neben der Unikneipe breitete ich mich aus, um endlich meine mitgebrachten Nudeln zu essen. Nachdem ich diese mit Ketchup übergossen hatte, fiel mir noch auf, dass ich eine Gabel vergessen hatte. Naja, gegessen hab ich dann trotzdem irgendwie und es hat mir auch hervorragend geschmeckt!

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Kurz nach Osnabrück ging es dann auf einer abschüssigen Landstrasse weiter. Super Gefühl: Der Himmel klarte auf und ich konnte mit 45 km/h und meinem Lieblingslied auf den Ohren den Berg runter knallen! Danach ging es dann leider auch wieder aufwärts und ich musste eingestehen, so langsam reicht es mir. An dieser Stelle fällt mir ein guter Vorsatz für das nächste Mal ein, wenn ich Berge bezwingen möchte: Bevor die Beine anfangen zu brennen, wieder so viele Schokoriegel einschmeißen, bis die Unannehmlichkeiten, die mir das daraus resultierenden Sodbrennen im Magen bereitet, die Übersäuerung in der Beinmuskulatur übertreffen.

1:30 Uhr: Irgendwo im Nirgendwo
Nach insgesamt 120 Kilometern entschloss ich mich zu einer kurzen Schlafpause. Die für diese Zwecke gedachte Hängematte spannte ich in eine Bushaltestelle. Der Versuch hängend in den Schlafsack zu komme, schlug fehl. Nach einem heftigen Krampf im Bein entschied ich mich, einfach unter der Hängematte auf dem Boden zu schlafen. Da ich mein rechtes Bein nicht mehr vernünftig koordinieren konnte, wollte ich nicht Gefahr laufen einen weiteren Krampf zu bekommen.

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Komplett durchgefroren wachte ich um ca. 4:00 Uhr auf und entschloss mich meine Fahrt fortzusetzen, um wieder warm zu werden  Im völligen Nebelmeer hatte ich Angst auf den weiten Landstartaßen angefahren zu werden und fuhr so schnell es ging von Dorf zu Dorf. Als die Sonne dann komplett aufgegangen war entschied ich mich zu einem Kurzfrühstück.

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Und weiter ging es! Mein Sodbrennen wollte nicht aufhören und so langsam wurde das wirklich zum Problem. In einem Ort namens Martfeld irgendwo im Niemandsland zwischen Bremen und Hannover hab ich dann kurz an einer Apotheke gehalten und ein Mittel dagegen besorgt. Das Talcid der Firma Bayer ist echt super! Bis Kilometer 250 fühlte ich mich wirklich gut. Bis auf das eine oder andere Problemchen hatte ich wirklich gute Laune. Die letzten Kilometer sollten dann aber doch zur Qual werden. Die Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 27 km/h stürzte ab und ich kam nur noch schleppend voran. Irgendein Depp hatte bei der Straßenplanung nicht an mich gedacht und eine schnurgerade, gefühlt unendlich lange Straße gebaut, die mir echt den Rest gab. Meine Flüssigkeitsvorräte waren aufgebraucht und ich ernährte mich nur noch von Müsliriegeln und Talcid und das Allerschlimmste: Die Sattelgepäckrollenkonstruktion gab ihren Geist auf und fiel immer wieder ab. Die letzten 40 Kilometer hab ich dann die Rolle kurzerhand in den Rucksack gestopft. Wenngleich der Rucksack einen hervorragenden Tragekomfort aufweist, drückte das zusätzliche Gewicht mich noch tiefer auf den Sattel und mein Hinterteil hatte da wirklich keinen Bock mehr drauf. Irgendwie biss ich aber doch die Zähne zusammen und erreichte Millionen gefühlte Flüche später mein Ziel, Hamburg!

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Mittwoch 17:00 Uhr Hamburg
Jetzt nur noch schnell zur Wohnung meiner Bekannten in Sankt Pauli und dann bin ich da, dachte ich mir. Da mein Handy inzwischen leer war, machte dies die Adresssuche nicht leichter. Am Hauptbahnhof half mir jemand mit seiner Karten-App. Leider konnte ich mir nichtmal mehr den nächsten Straßen Namen merken. Komplett unterzuckert irrte ich von Straßenecke zu Straßenecke und fragte mich immer weiter durch. Um 18:00 Uhr war ich dann doch endlich angekommen. Zum Abendessen gab es Nudeln mit Pesto und zwei Bier. An dieser Stelle dann ein zweiter Vorsatz: Wenn ich am Ende des Monats kaum Geld zum Saufen habe, kann ich gerne 340 Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegen und danach reichen mir auch zwei Bier. Völlig fertig ging es dann recht früh ins Land der Träume. Das berühmte Nachtleben von st. Pauli lernte mich nach dieser Tortur nicht mehr kennen.

Zurück ging es dann Freitag mit dem Fernsbus.„Flixbus“ kann ich auch hier weiterempfehlen.

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Fazit:
Die Tour war für mich persönlich eine tolle Erfahrung. Für jeden der Bock hat, seine Grenzen auszutesten und was zu erleben, ist das auf jeden Fall eine spitzen Möglichkeit. Ohne ein Navigationsgerät wäre es schwierig geworden. Ich war besonders nachts froh, einfach nur nach dem Strich auf dem Display fahren zu können. Ändern muss ich beim nächsten Mal mit Sicherheit die Konstruktion unter meinem Sattel. Die Schnüre auf dem Sattel haben mich wirklich gestört. Hier direkt ein kleiner Denkanstoß für die Erfinder unter den Lesern: Ich bräuchte eine Halterung, die meine Gepäckrolle mit dem Sattelgestell verbindet. Ist bestimmt eine Marktlücke. Auch weiß ich jetzt, wie wichtig es ist, auf seine Ernährung zu achten. Die ersten 250 Kilometer habe ich wie geplant viel getrunken und gegessen, auch wenn ich keinen Appetit hatte. Das war äußerst wichtig und ich habe später schmerzhaft feststellen müssen, wie schnell es in einen nicht mehr schönen Bereich geht, sobald man daran spart. Ob ich es beim nächsten Mal noch einmal mit der Hängematte probiere weiß ich nicht. Mir hat das Schläfchen auf dem Boden nichts ausgemacht. Wer diesen Adventure Faktor nicht braucht, sollte sich dann aber doch eine Unterkunft suchen, in der er im Warmen übernachten kann.“

3 Antworten zu “Von Herne nach Hamburg in einem Tag”

  1. […] Trotzdem, oder gerade weil ich selbst wohl nicht auf die Idee kommen würde, ist Sam’s “Reisebericht” eine nette Lektüre. Ihr findet den Artikel auf Goodtimesroll. […]

  2. Radum Gefallen sagt:

    respect – fürs nächste mal hilft vielleicht das hier:

    http://www.carradice.co.uk/index.php?page_id=category&category_id=51

  3. Michael Hankeln sagt:

    Hallo Sam,
    super Leistung, Respekt !
    Bezüglich des Gepäckträgers habe ich einen Tipp : Topeak RX BeamRack.
    Gruss
    Michael

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